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Asien zeigt, was möglich ist

von Lars Oltrogge, Börsen-Zeitung, 24 Februar 2021

In Europa kommen Echtzeitüberweisungen mit Sepa Instant Payments bisher nur schleppend voran und machen vor allem durch noch sehr hohe Gebühren von sich reden. Die EU-Kommission will die Nutzung von Echtzeitzahlungen vorantreiben, bis Ende 2021 soll es in der EU eine Vollabdeckung mit Instant Payments geben, wovon wir derzeit weit entfernt sind. Die Kommission prüft deshalb, diese Erreichbarkeit gesetzlich vorzuschreiben und zugleich überhöhten Gebühren einen Riegel vorzuschieben.

Lars Oltrogge ist Cash Sales Manager, Transaction Banking, bei der Standard Chartered Bank

Doch was bringt die Echtzeitbezahlung innerhalb weniger Sekunden, und wozu brauchen wir dieses Instrument überhaupt? Wer sich diese Frage stellt, sollte einen Blick nach Asien werfen, wo Bezahlungen in Echtzeit bereits seit einigen Jahren auf dem Vormarsch sind. Der Einsatz von Real-Time-Zahlungen in diesen Märkten zeigt, welche Chancen und Möglichkeiten diese bieten. In vielerlei Hinsicht werden die deutschen und europäischen Konzerne, die bereits in Asien aktiv sind, prüfen, welche Anwendungsfälle auf Europa übertragbar sind. So wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch bei uns Instant Payments standardmäßig in den Zahlungsverkehr integriert werden.

Andere Produkte entwickeln

Unternehmen aller Branchen, seien es Einzel- oder Großhandel, Versicherungen oder Telekommunikationsanbieter, können nicht nur Kosten sparen, sondern auch neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die auf einer Instant-Payments-Infrastruktur basieren. Da­mit das Ergebnis optimal auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten werden kann, müssen schon in der Planungsphase alle relevanten Abteilungen eingebunden werden: Sales, Strategy, Accounting, Risiko und Treasury, um nur einige zu nennen.

Bei aller Begeisterung über die Möglichkeiten, die Instant Payments für Unternehmen bieten können, wird die Nutzung der noch neuen Zahlmethode nicht über Nacht erfolgen, und so wird es noch einige Zeit dauern, bis wir uns in Deutschland und in Europa in diesem Bereich den Verhältnissen in den asiatischen und einigen afrikanischen Märkten annähern werden.

Allerdings ist besonders in Asien seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie E-Commerce vom Differenzierungsmerkmal zum Ge­schäftserfolg bestimmenden Merkmal geworden, inklusive der dazugehörigen Instant-Bezahlverfahren. Deswegen lohnt es sich, schon jetzt einen Blick in diese Märkte zu werfen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie auch bei uns die Zukunft aussehen kann.

So können beispielsweise Telekommunikationsanbieter Sepa In­stant bzw. Request-to-Pay nutzen, um säumigen Kunden noch am Telefon im Kundenservice die Möglichkeit zu geben, Rückstände sofort zu bezahlen, um dann die gebuchten Tarife wieder uneingeschränkt nutzen zu können. Ähnliche Szenarien sind auch bei Konsumentenfinanzierungen oder generell im Inkasso denkbar, um Rückstände und damit verbundene Folgen sofort abzuwenden.

Darüber hinaus kann Sepa In­stant auch genutzt werden, um kostengünstig Online-Services anzubieten, die sofort „konsumiert“ werden. Die Verwendung von Kreditkarten oder Sepa Direct Debit ist in solchen Fällen durch die Rückruffristen zu risikoreich bzw. teuer. Hier bietet Instant Payments eine gute Alternative. Besonders in der Automobilbranche kann der wachsende Bereich von Online-Leistungen dank Instant Payments mit höheren Margen und mehr Cash-flow-Sicherheit angeboten werden. So etwa bei Versicherungsprämien für „On the go“-Produkte (Fahrerschutz, Insassenschutz etc.), bei denen es wichtig ist, dass die Prämie unwiderruflich bezahlt wird, um sofortige Deckung zu erhalten. Auch Zahlungen vom Versicherer an den Kunden im Schadensfall können über Sepa Instant abgewickelt werden, was zu einer schnelleren Abwicklung und damit höheren Kundenzufriedenheit führt. Möglich wäre auch eine Aufwandsentschädigung bei verzögerten Reparaturen oder längeren Wartezeiten.

Auch Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen können mit Hilfe von Sepa Instant effizienter gestaltet werden, beispielsweise bei Lieferantenkrediten. Diese unterliegen normalerweise einem festen Kreditrahmen und sind mit festen Zahlungszielen versehen. Wenn die Nachfrage plötzlich steigt und der Verkäufer beim Hersteller nachbestellen will, geht das nur, wenn noch Luft im Kreditrahmen ist. Ist dieser jedoch ausgeschöpft, müssen diverse Hebel in Bewegung gesetzt werden, bevor Waren wieder fließen können. Alternativ könnte die Nachbestellung gleich per Sepa In­stant beglichen werden, ohne den Kreditrahmen zu tangieren. So kann der Verkäufer schneller auf Kundenwünsche reagieren und seine Umsätze steigern. Besonders durch die Folgen der Covid-19-Pandemie wurde weltweit deutlich, wie wichtig es ist, Kundenbeziehungen auch in Zeiten unvorhersehbarer Nachfrageschwankungen möglichst stabil zu halten.

Natürlich ist Sepa Instant in solchen Situationen nicht die einzige Alternative, auch eine erneute Kreditprüfung und (temporäre) Erhöhung des Kreditlimits beziehungsweise eine fortlaufende automatische Kontrolle und ggf. Anpassung (inklusive Kommunikation an Sales und den Kunden) des Kreditlimits durch die Analyse von historischem Kundenverhalten und Bilanzkennzahlen kämen in Frage. Sepa In­stant bietet hier jedoch eine sehr schnelle und flexible Option.

Auch bei der Erschließung neuer Kundensegmente kann Instant Payments eine wichtige Rolle spielen. Wenn neue Kunden direkt und ausschließlich als Instant-Payment-Kunden aufgenommen werden, können Umsatz und Marge gesteigert werden, ohne dass die Kosten für das Onboarding und die laufende Betreuung (Kreditprüfung, Monitoring) proportional mitwachsen. Besonders interessant ist dies für Hersteller, die ihre Produkte an bestimmte Kundensegmente über Zwischenhändler vertrieben haben. Im Zuge der Digitalisierung des Handels können sie eigene Online-Verkaufsstrukturen aufbauen, die Zahlungen ohne großen Aufwand über Instant Payments abwickeln, und die Marge des Zwischenhändlers für sich verbuchen. Für Hersteller, die ohnehin dabei sind, eigene Online-Shops aufzubauen, und so den Zwischenhändler ganz oder teilweise ersetzen, kann Instant Payments zu einem wichtigen Beschleuniger ihrer neuen digitalen Verkaufsstrategie werden.

Neue Wege im Vertrieb

Ein weiteres Anwendungsgebiet für Instant Payments ist der Vertrieb. Hier können Incentivierungen von Punktekonten oder monatlichen/jährlichen Boni-Zahlungen auf Sepa Instant umgestellt werden, um Erfolge zeitnah mit finanzieller Anerkennung zu belohnen und Verkäufer zu motivieren.

Im Zuge der Digitalisierung haben sich die Erwartungen von Kunden und Verbrauchern verändert. Wir alle haben uns an Schnelligkeit und Bequemlichkeit ge­wöhnt, sei es beim Online-Shopping, bei der Schadensregulierung oder bei Finanzgeschäften. Diese Erwartungshaltung aus dem B2C-Bereich wird sich schnell auf den B2B-Bereich übertragen, insbesondere wenn sich hierdurch Umsätze und Margen steigern lassen. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Schnelligkeit und Bequemlichkeit von Instant Payments durchsetzen wird. Neue Dienstleistungen, die daraus entstehen, werden schon bald selbstverständlicher Teil unseres Alltags sein.

https://www.boersen-zeitung.de/asien-zeigt–was-moeglich-ist-9dd2e1be-5b42-11eb-bdba-7eb5ab95bba4