Skip to content
Deutschland

Der Handel wird elektronisch

Der Handel und die Handelsfinanzierung erlebten bereits vor der Corona-Krise eine digitale Transformation. Nun könnte die Krise ein Katalysator für eine schnellere und tiefgreifende Umgestaltung der Branche sein, mit Auswirkungen auf ganze Handelsökosysteme.

Von der Corona-Krise waren alle Bereiche des Handels betroffen. Dabei sahen sich laut einer ICC-Umfrage. Unternehmen vor allem mit drei Themen konfrontiert: Personalmangel, Probleme beim Drucken von Dokumenten und Verzögerungen oder Ausfälle von Lieferungen. Außerdem mussten Kerninstrumente der Digitalisierung – etwa die Erstellung digitaler Signaturen – sehr schnell entwickelt werden. Dies galt nicht nur für Unternehmen und ihre Banken, sondern auch für Behörden.

Einige Länder wie Indien, Peru und Oman haben die Umstellung von Papier auf Digitaltechnik eingeläutet. In Peru gab die Regierung den Unternehmen 180 Tage Zeit, um von herkömmlichen Abläufen auf digitale Prozesse umzustellen. Als Folge bemerkten Anbieter digitaler Handelsplattformen einen deutlichen Anstieg der Akzeptanz und Nachfrage. So konnte eine neue Plattform für digitale Herkunftsnachweise innerhalb von drei Monaten die Registrierung von 60 Handelskammern weltweit verzeichnen. Und selbst bei Frachtbriefen, deren Digitalisierung aufgrund der erforderlichen gesetzlichen Änderungen viel Zeit in Anspruch nimmt, traten in nur drei Monaten ein Viertel der 123 Stahlhändler in China einer digitalen Plattform bei.

Anpassung an die neue Normalität

Die akute Phase der Krisenreaktion geht nun in eine Überprüfung der Situation über. Zwar sind Homeoffice und Remotezugang aktuell “normal” – in welchem Umfang und für wie lange diese Arbeitspraktiken Standard sein werden, ist allerdings offen. Auch die Zusammenarbeit mit Handelspartnern wird überprüft und Unternehmen stellen sich bereits jetzt auf eine neue Normalität mit Digitalisierung als Kernelement ein. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage von Standard Chartered zeigt: 87 Prozent der befragten Kunden gehen davon aus, dass sich das Tempo der Digitalisierung im Handel und seiner Finanzierung beschleunigen wird, wobei digitale Lösungen nicht mehr als optional, sondern als essentiell angesehen wird. Die Folge: eine starke und anhaltende zweite Welle der Digitalisierung.

Auch wenn die digitale Transformation eine Priorität für alle Handelsteilnehmer sein mag, so wird es nicht den einen Lösungsweg oder eine einzige, umfassende digitale Plattform geben. Stattdessen erwarten wir einen mehrgleisigen Ansatz. Gegenwärtig fallen Handelsfinanzierungsplattformen in eine von drei Kategorien:

  • Plattformen von Drittanbietern, die als Netzwerk fungieren, in dem mehrere Teilnehmer miteinander interagieren können. SWIFT for Corporates zum Beispiel ermöglicht es einem Unternehmen, Akkreditive und Garantien bei allen seinen Banken zu eröffnen.
  • Konsortien aus mehreren Investoren, deren Ziel es ist, die traditionelle Infrastruktur und Abwicklung der Handelsfinanzierung über eine branchenweite Plattform neu zu erfinden. Beispiele sind Trade Information Network und Contour.
  • Punkt-zu-Punkt-Konnektivität, die es einer Partei ermöglicht, für die digitale Durchführung von Transaktionen mit einer anderen zu interagieren (z.B. mit einem Banksystem).

Da die Plattformen allerdings unterschiedliche Reifegrade aufweisen und oft nur spezifische Elemente des Handelsprozesses ansprechen, wird deren Kompatibilität ausschlaggebend sein. Hier spielen die Entwicklung und Umsetzung von Standards, wie die Digital Standards Initiative der Internationalen Handelskammer (ICC), eine wichtige Rolle.

Insgesamt zeigt die Entwicklung derzeit ein uneinheitliches Bild mit starken Unterschieden zwischen Behörden und Handelsteilnehmern. Damit steigt die Gefahr von “digitalen Inseln”, beispielsweise durch die Digitalisierung ausgewählter Prozesse mit zwischengeschalteten manuellen Elementen, die den Wert über die gesamte Lieferkette begrenzen. Dieses Risiko wird sich ohne ein starkes Engagement der Industrie für Standardisierung und Konnektivität wohl noch verschärfen.

Als Zwischenlösung wird sich wahrscheinlich ein Hybridmodell etablieren. Lösungen wie Contour, das sowohl durchgehende elektronische Akkreditive anbietet und nach Möglichkeit digitale Prozesse aktiviert, aber auch papierbasierte Prozesse abwickelt. Entscheidend ist ein durchgängiger Datenfluss, selbst wenn ein einzelnes Element analog ist.

Die Entwicklung der privaten Handelsteilnehmer muss sich aber auch in strukturellen Maßnahmen bei Behörden wie dem Zoll widerspiegeln. Angesichts der Komplexität der Abläufe und Vielfalt der Beteiligten braucht die Umstellung Zeit – Regierungen können hierfür Jahre benötigen.

Um den Prozess zu beschleunigen, hat die ICC Trade Standardisation Group einen Fahrplan für den digitalen Handel veröffentlicht. In diesem Dokument werden die wesentlichen Schritte für Regierungen und Behörden, die ICC und die gesamte Industrie aufgezeigt. Ziel ist, durch die Überarbeitung rechtlicher Rahmenbedingungen und vereinfachte Bürokratie den Übergang ins Digitale zu beschleunigen. Dazu gehört beispielsweise die Forderung, dass Handelsdokumente digital vorgelegt werden müssen, angepasst an das UNCITRAL Model Law on Electronic Transferable Records.

Derzeit sind viele Unternehmen noch damit beschäftigt, den Zugang zu Liquidität und ihr Überlegen zu sichern. Sobald das Tempo und die Richtung der Erholung nach der Pandemie klarer werden, erwarten wir eine Wiederbelebung der Digitalisierungsinitiativen über das gesamte Spektrum der Handelsakteure.  

Anfänglich dürften vor allem kurzfristig erreichbare Ziele anvisiert werden, etwa Lösungen für die digitale Lieferkette und die Dokumentation des Konnossements. Danach muss der Fokus jedoch auf robusten und langfristigen Ansätzen liegen. Unternehmen werden über längerfristige Veränderungen ihrer Lieferketten nachdenken und darüber, wie sie am besten diversifizieren und ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen können. Auch werden Entscheidungen über neue Geschäftsmodelle anstehen. Grundlage wird die Frage sein, wie die Konsistenz und Automatisierung von Prozessen gewährleistet und dabei zusätzliche Komplexität vermieden werden kann.


Märkte der Welt: Gastbeitrag von Marion Reuter, Regional Head of Transaction Banking Sales Europe und Head of Transaction Banking Germany & Nordics der Standard Chartered Bank